Immer öfter begegne ich Menschen, die sich nach Liebe sehnen – und im selben Moment voller Panik vor ihr weglaufen. Wahre Nähe kann uns zu tiefst erschrecken, wenn unser Nervensystem schon früh gelernt hat, dass man verletzt wird, wenn man sich öffnet. Doch wir dürfen aufhören, uns dafür zu verurteilen. Wir haben nie gelernt, wie sich sichere Liebe anfühlt. Deshalb dürfen wir uns jetzt ganz behutsam wieder an dieses Wunder herantasten. Schritt für Schritt. Und dabei neu entdecken, dass das mutige Einlassen auf einen anderen Menschen nicht dazu führt, dass wir uns selbst verlieren, sondern dass es uns tiefer in unser eigenes, wahres Selbst führt.
Als mir mein erster Seelenpartner begegnet ist, stand ich auch an diesem Punkt, da hätte mich die Nähe und die Intensität meiner eigenen Gefühle, die ich bis dato vorher so noch nicht gekannt hatte, fast in die Flucht geschlagen.
In dieser Zeit ist der folgende Text entstanden, den ich heute noch einmal optimiert habe und mit Dir teilen will:
… Was ist hier los? Mein Herz weint, obwohl es liebt und geliebt wird. Es fühlt sich schwer an, als würde es in der Tiefe der Nähe ertrinken. Mein Herz rast und ich habe Angst, gleich zu sterben. Mich auflösen.
So tief in die Liebe hineingetaucht bin ich noch nie. Hier in dieser Tiefe bekomme ich kaum Luft. Nur wenn ich in mein Herz atme, kann ich noch einen Meter tiefer tauchen. Meter für Meter noch tiefer rein in die wahre Herzöffnung. Aber will ich das? Gerade ist die ehrliche Antwort eher nein. Ich will nach oben schwimmen. An die Oberfläche. Dorthin, wo die Liebeswellen nur sanft plätschern und mich nicht mit voller Wucht in ein unbekanntes Terrain katapultieren. Diese Tiefe macht mir Angst. Hier ist es dunkel und ich kenne mich nicht aus. Was ist, wenn mir hier unten das Vertrauen verloren geht, verliere ich mich dann? Fühle ich dann je wieder Licht?
Die Liebe weiß die Antwort, aber mein Nervensystem läuft auf absoluter Hochspannung und Herzchakra scheint aus meiner Brust springen zu wollen. Durch diese massive Aktivierung und die Wucht dieser intensiven Liebeswellen ploppen plötzlich all meine alten Konditionierungen ungefiltert an die Oberfläche. Urängste, von denen ich dachte, ich hätte sie längst geheilt, schreien mich plötzlich an: „Ich bin nicht gut genug, dass jemand bleibt.“, „Wenn er mich wirklich sieht, geht er.“, „Meine Liebe reicht nie aus.“ …
In dieser Panik aktiviert mein Nervensystem den inneren Wächter, der mich schon immer vor Gefahren beschützt hat. Davor beschützt hat, verletzt zu werden. Wie ein Wahnsinniger schaltet der Wächter alle Warnlampen in meinem System an und versucht, die Notfallprogramme der Vergangenheit wieder anzuknipsen.
Flucht steht auf einem riesigen Knopf. Schlussmachen auf einem anderen. Ein roter Knopf mit dem Wort Back-Up-Mann taucht auf, um die Liebe schnell wegzukompensieren und das Risiko der Liebe zu minimieren. Ein anderer gibt das Signal, dass ich mich betrinken soll. Das Wort Sex wird als blinkende Warnleuchte in meine Gedanken projiziert, und möchte mich durch reine Körperlichkeit von der emotionalen Tiefe abziehen.
Mein ganzes Nervensystem möchte diese Verbindung, diese Tiefe, diese Intensität verlassen, aber mein Herz, mein Herz möchte stehen bleiben. Es möchte die Liebe endlich einmal erfahren.
So ruft mein innerer Wächter noch meine ganzen Konditionierungen an seine Seite, um mich davon abzuhalten, mich noch tiefer in diese bedrohliche Nähe hineinfallen zu lassen.
Die antrainierte Unabhängigkeit flüstert mir zu, dass ich sowieso niemanden brauche und alleine unantastbar bin. Der Perfektionismus zwingt mich plötzlich, akribisch nach Fehlern beim anderen zu suchen – nur um einen scheinbar logischen Grund fürs Gehen zu haben. Das chronische Beschäftigtsein verlangt, dass ich mich sofort in Arbeit stürze, um bloß keine Zeit mehr zum Fühlen zu haben. Und die Dauerschleife im Kopf versucht, dieses heilige Gefühl der wahren Liebe durch ständiges Analysieren totzuquatschen und wegzurationalisieren. Alles Muster, alles Schutz, alles die nackte Angst des Nervensystems vor dem absoluten Kontrollverlust, der sich verdammt noch mal nach Sterben anfühlt – und doch der einzige Weg ins Leben ist.
Ich hole tief Luft. Atme tief in mein Herz hinein und tauche noch tiefer. In die Liebe. In den Schmerz. In mein Wachstum. In das unbekannte Terrain, wohl wissend, dass ich wohl nie wieder so tief tauchen werde, wenn mir an dieser Stelle das Vertrauen in die Liebe weggenommen wird.
Und doch will ich noch tiefer in dem Gefühl der Nähe ankommen, denn die Trennung, die ich gerade durch meine eigenen Kampf erzeuge ist noch schwerer zu ertragen. Existenziell einlassen. Um nichts anderes geht es. Und so langsam bekomme ich eine Ahnung davon, was das wirklich bedeutet. ….
